Vogelnothilfe e.V.

 

Der unglaubliche Moopie

Eine Krähengeschichte... lange ists her

 

Kindertage

Eines Tages bekomme ich eine e-mail von einer Bekannten: “Du hast mal gesagt, wenn ich noch mal einen aus dem Nest gefallenen Jungvogel habe, dann hättest Du Interesse daran. O.K., es ist kein Buchfink. Das Vögelchen ist groß (ca. 2-3 Wochen alt), schwarz und hat einen großen Schnabel. Es schreit und kackt wie ein iberischer Wildesel, aber sonst ist es sehr pflegeleicht. Also, wenn Du immer noch willst, dann rufe mich an (auch heute noch bis 22 Uhr, danach bin ich garantiert auf der Couch eingeschlafen).“

Ich rufe natürlich sofort an. Dagmar selber hat wenig Zeit zur Aufzucht der kleinen Rabenkrähe und befürchtet außerdem zu Recht, dass sich einer ihrer Falken eines Tages an der Krähe vergreifen könnte.

Ich kann es kaum abwarten, den Jungvogel in Empfang zu nehmen.

Die traurige Geschichte der kleinen Krähe ist schnell erzählt: Leute haben einige große Tannen gefällt und dabei das Krähennest hoch oben in den Ästen übersehen. Von den vier Geschwistern hat nur eines den Sturz aus großer Höhe überlebt. Glücklicherweise wurde das kleine Bündel Leben entdeckt und in rettende Hände weitergegeben.

Da sitzt es nun in einer flachen Keramikschale und schaut mit großen grauen Augen in die Welt. Die meisten dunkelbraunen bis schwarzen Federn stecken noch in der Hülle wie die Stacheln eines Igels und ein rosa Rand umzieht die Schnabelwinkel.

Es fügt sich gut, dass meine Elstern auch gerade drei entzückende Junge im Nest haben. So habe ich große Mengen an lebenden und tiefgefrorenen Insekten vorrätig, die ich auch an das Krähenkind verfüttern kann. Die erste Zeit füttere ich nur Pinkies, Maden und chitinfreie frischgehäutete Mehlwürmer, da das Krähenkind noch nicht in der Lage ist, Speiballen zu bilden. Ergänzt wird das Futter durch meine bewährte Mischung aus gekochtem Ei, Weichfresserfutterflocken, gequollene Beoperlen und Vitakalk. Später wird der Speiseplan durch Heimchen, Grillen, Wachsmottenraupen, Hackfleisch, Früchte und Haferflocken ergänzt, nicht mitgezählt, was sich der Vogel alles von unserem Esstisch ergaunert.

Anfänglich im Halbstundentakt, später stündlich wird die kleine Krähe gefüttert. Ihr Hunger kündigt sich durch gepresste Quietschtöne an, die wirklich ein wenig Ähnlichkeit mit dem Schrei eines Esels haben. Das Schnäbelchen weit aufgerissen und heftig mit den Stummelflügeln wedelnd erwartet sie ihre Mahlzeit. Nach der Fütterung hebt sie ihr Hinterteil über den Rand der Keramikschüssel und lässt die unverdaulichen Reste der vorherigen Mahlzeit in ein bereitgelegtes Küchentuch fallen. Krähen beschmutzen ihr Nest nicht. (Leider verliert unsere Krähe mit dem Erwachsenwerden die Fähigkeit, nur auf die mit Zeitungspapier oder Küchentücher abgedeckten Flächen zu koten)

So wächst und gedeiht der kleine Vogel schnell und schon nach einer Woche passt er nicht mehr in die Schale. Ein kleinerer Karton muss her und wird mit Heu und Küchentuch gemütlich ausgestattet. Auch bekommt der Vogel jetzt seinen Namen: aufgrund seiner Laute, die er immer ausstößt, nennen wir ihn Moopie. Diese etwas kehligen, leisen >mup-mup-mup< Töne gibt er immer mit leicht gestrecktem Hals von sich, wenn er von uns gekrault, gefüttert oder einfach nur beachtet werden möchte.

Auch andere Laute entwickeln sich: wenn Moopie etwas überhaupt nicht mag und endlich in Ruhe gelassen werden möchte, ächzt er überaus menschlich und demonstriert mittels Körpersprache seine Abneigung.

Mit einem kehlig ausgestoßenen >mep-mep-mep<, seitlich weggedrehtem Körper, aufgerichtetem Gefieder und gesenktem Kopf zeigt uns Moopie seinen Zorn: wenn wir in jetzt nicht zufrieden lassen, riskieren wir einen Schnabelhieb. Kurz vor dem Angriff faucht er wie eine Katze.

Mit leisen Quietschlauten bekundet er seinen Zufriedenheit und wenn er entspannt und müde sitzt, knarrt er auch mit dem Schnabel vor sich hin.

Lustig ist es immer anzusehen, wenn die kleine Krähe müde wird. Zuerst blinzelt sie viel und stiert vor sich hin. So nach und nach, der Kopf wird immer schwerer und sackt stetig weiter nach unten, fallen die Augen endgültig zu und das schwere Köpfchen wird mit dem Schnabel auf der Unterlage abgestützt. Manchmal allerdings baumelt es an seinem dünnen Hals hängend über dem Kartonrand hinaus. Es sieht dann beängstigend unbequem aus, so dass wir den Vogel vorsichtig in die Mitte des Kartons schieben.

Abends macht sich das Krähenkind bei uns zum Fernsehen auf dem Sofa bequem. Der kleine Moopie liebt es, von wärmenden Händen gehalten zu werden. Auch hier schlummert er dann schnell ein; liegt meist auf einem Kissen oder einer Wolldecke entspannt hingestreckt. Durch die Wolldecke hindurch spüren wir die Wärme des kleinen Vogelkörpers auf unseren Beinen.

Es wird noch einige Wochen dauern, bis die Krähe in der Lage ist, zum Schlafen ihren Kopf ins Rückengefieder zu stecken. Bis dahin erzeugt sie bei uns regelmäßig Gelächter, wenn sie, z.B. auf dem Schrank sitzend, den Kopf haltlos über den Rand baumeln lässt und uns an Keramikdekogänse in gleicher Pose erinnert.

 Verwandschaft

Als die kleinen Elstern etwa 3 Wochen alt sind, hole ich sie ins Haus. Sie sollen sich an die Menschen gewöhnen, da ein Tierpark Interesse an zahmen Elstern für ein Rabenvogelgehege bekundet hat. Ich wage ein Experiment: wie werden sich Elstern und Rabenkrähe verhalten, wenn sie als Kinder zusammengebracht werden? Von Natur aus sind Krähen und Elstern Feinde, da sie sich gegenseitig schon mal die Nester plündern und Nahrungskonkurenten sind. Auch sonst hat man mit der Verwandtschaft nicht viel am Hut.

Kaum setze ich Moopie zu den kleinen Elstern in die Kiste, geht das Theater los; aber nicht so, wie ich es befürchtet habe. Mit aufgerissenen Schnäbeln strecken die Elsterchen dem verblüfften Moopie die Köpfe entgegen; sie glauben wohl, dass der größere Vogel ihre Mutter ist.

Bei so viel unerwarteten Ansturm denkt Moopie an Rückzug und verkrümelt sich in die hinterste Kistenecke. Die Rasselbande wackelt hinterher und bedrängt den armen Moopie so stark, dass er sich nicht anders zu helfen weiß als mit einem ächzenden >äh-äh< die Kralle vor den Kopf zu heben und die Elsternbande auf Abstand zu halten. Geschwind hole ich den Futternapf und stopfe den Elstern die Schnäbel. Schnell hat auch Moopie sich von seinem Abenteuer erholt, drängt sich vor und ergattert den größten Happen.

Moopie gibt uns bald zu verstehen, dass er mit seiner Verwandtschaft nicht viel anzufangen weiß. Er ist manchmal furchtbar genervt, weil ihm die quirlige Bande auf Schritt und Tritt folgt. Nichts kann er mehr alleine unternehmen, ohne dass 3 Paar flinke Krallenfüßchen hinter ihm her rennen, denn fliegen können die Vogelkinder alle noch nicht. Selbst beim Füttern drängen sie sich geschickt vor und klauen ihm sogar das Essen aus dem Schnabel.

Manchmal ist es selbst für mich schwierig, die Rasselbande in Schach zu halten. Solange die Vögel noch nicht fliegen können, setze ich sie im Korb immer für ein paar Stunden auf die Terrasse, - unter Beobachtung natürlich. Eines Tages habe ich aber dann doch mal nicht aufgepasst: einer der kleinen Elstern ist unbemerkt aus dem Korb gesprungen und hat sich auf die große Wanderschaft gemacht. Plötzlich hört mein Mann, der neben dem Haus Gehwegplatten verlegt, den Angstschrei einer Elster. Als er aufblickt, sieht er die Uhumutter im Gehege mit einer Elster in den Fängen. Sie schaut ihre schreiende Beute nur an, weiß wohl nicht so recht, was sie jetzt damit anfangen soll. Ihr Zögern rettet der Elster das Leben. Aufgeregt ruft mich mein Mann und ich stürze mit dem Schlüssel zur Voliere. Mit zitternden Händen (verdammt, warum klemmt das Schloß immer im entscheidenden Moment!) öffne ich den Riegel und scheuche die Eule von ihrer Beute. Das Elsterchen, endlich aus seiner misslichen Lage befreit, flüchtet in eine Volierenecke, wo ich es dann einfangen kann. Glücklicherweise ist dem Vogel kein Federchen gekrümmt worden, allerdings ist Lucky (luck = Glück) von diesem zweifelhaften Abenteuer zurückhaltend und scheu geworden.

Seine Geschwister erhalten die Namen >Bonsai<, weil sie die kleinste und zierlichste (aber vorwitzigste) Elster ist, die ich je gesehen habe und Yellow (= gelb), den ich mittels einem angemalten gelben Punkt auf der Brust von Lucky unterscheiden musste.

Bonsai und Yellow hecken alles gemeinsam aus, während Lucky später ein wenig eigenbrötlerisch wird.

Ich habe einen kleinen Noppenball, mit dem Moopie immer gerne spielt, da er die Noppen so schön in den Schnabel nehmen kann. Kaum haben die 3 Elsterchen den spielenden Moopie entdeckt, stürmen sie ihm geschlossen wie die Nationalelf entgegen und durch einen geschickten Pass von Mittelfeldspieler Lucky wechselt der Ball die Mannschaft. Jetzt kullern die Elstern ihn geschickt durch das Zimmer und Moopie hat das Nachsehen.

Die Bastion Moopie wird immer wieder im Sturm genommen, egal mit was er sich gerade beschäftigt, die Elsterchen wollen es, gemäß Rabenvogelnatur, auch haben.

Richtig schlimm wird es, als die vier Vögel das Fliegen lernen. Jetzt kann ich Moopie nicht mehr vor der Rasselbande retten, da sie in der Lage sind, ihm überall hin zu folgen. Vorher setzte ich ihn für die Elstern unerreichbar auf den Schrank oder Tisch, so dass er auch mal zur Ruhe kam.

Moopie wehrt sich immer vehementer gegen den Ansturm der Elstern. Manchmal langt er nach unten und kneift einen der Quälgeister in den Fuß. Oder er zieht ihn heftig am Schwanz, was allerdings auch auf Gegenseitigkeit beruht. Ein noch im Fliegen unsicheres Elsterchen versucht sogar, Moopie als Landebahn zu missbrauchen. Das aber geht ihm entschieden zu weit! Böse fauchend schüttelt er den flatternden Bonsai vom Rücken und nagelt ihn, mit dem Fuß um Elsterchens Schnabel, auf dem Boden fest. Nun wird die quietschende und zappelnde Elster peinvoll um ein paar Federn gebracht, die Moopie ihr genüsslich von Kopf und Nacken ausreißt.

Der Versuch, Krähe und Elstern zu Freunden zu machen, ist deutlich fehlgeschlagen. Zu unterschiedlich sind die Lebensansichten und Charaktere. Daher beschließe ich, die Elsterngang nach 4 Wochen Terrorregime zurück in die Voliere zu geben. Damit der Kontakt zu den Eltern nicht abbricht, hatte ich jeden Tag die  zahme Jockel-Elstermutter ins Haus geholt. Dort hat sie dann ihre Kinder gefüttert und sich auch sonst ein wenig um sie gekümmert. Die junge Krähe allerdings vertrieb sie stets aus ihrer Nähe. So hat es bei der Heimkehr keinerlei Probleme für die kleinen Elstern gegeben.

Der Flegel

Jetzt beginnt für Moopie eine glückliche Zeit! Der Elstern ledig, hat er das Haus und den Garten wieder für sich. Und das genießt er ausgiebig.

Nach dem Frühstück gehe ich als erstes mit ihm in den Garten. Dort untersucht er alles, was ihm vor den Schnabel kommt. Fremde Dinge überprüft er anfänglich auf ihre Fressbarkeit hin, indem er vorsichtig seine Zunge aus dem halbgeöffneten Schnabel streckt und die Luft kurz über dem Objekt testet. Noch traut er sich nicht, ein lebendes Insekt zu fangen und zu fressen; wenn ich allerdings das Insekt fange, töte und ihm hinhalte, wird es vorbehaltlos gefressen.

Moopie lernt mit Begeisterung. Stundenlang werden Blätter am Fuß des alten Apfelbaumes gewendet und untersucht. Kleine Kieselsteine nimmt er in den Schnabel und versteckt sie im Gras; wieder und wieder, bis er den scheinbar richtigen Platz zum Verstecken gefunden hat.

Mit großer Freude durchwühlt er Blumentöpfe und einen Grashaufen. Da entdeckt er eine Blindschleiche, die es sich unter dem trockenen Gras bequem gemacht hat. Was passiert jetzt?

Mit einem großen Hupfer ist Moopie zurückgesprungen, und äugt mit langem Hals nach dem wegschlängelnden Reptil. Vorsichtig kommt er im Schweinsgalopp wieder näher, jederzeit bereit, die Flucht zu ergreifen. Er nähert sich der Blindschleiche von der Seite und schneidet ihr dann den Weg ab. Das kleine Reptil sucht nach einer anderen Möglichkeit zu entkommen, als Moopie mit einem Hupfer auf es drauf und wieder runterspringt. Die Schleiche stellt sich augenblicklich tot. Moopie staunt: wieso bewegt sich das schöne Spielzeug nicht mehr? Während er noch mit schiefgelegtem Kopf nachdenkt, erwacht das Reptil wieder zum Leben und will fliehen. Erneut nagelt Moopie es fest und beißt ihm probehalber in den Leib.

Bevor die Krähe der Blindschleiche einen ernstlichen Schaden zufügen kann, nehme ich sie unter Moopies empörtem Protestgezetere weg und lasse sie bei den Brombeersträuchern wieder frei. Schnell schlängelt sich das Reptil unter die schützenden Dornen.

Moopies erster >Ausflug< endete beinahe dramatisch. Das erste Mal probiert er seine Schwingen so richtig aus, nicht nur die geflatterten Hüpfer wie bisher. Mit viel Elan schwingt er sich aufwärts, dreht übermütig krähend eine Runde um den Apfelbaum und flattert noch höher hinaus – bis auf den Schornstein. Dort sitzt er nun, Stunde um Stunde in der Mittagshitze auf der höchsten Stelle unseres Hauses. Zuerst gefällt es ihm gut dort, der weite Ausblick über die Baumwipfel hinweg muß für eine Krähe geradezu fantastisch sein. Doch am frühen Nachmittag wird es ihm in seinem schwarzen Kleid zu warm. Hechelnd sitzt er dort oben, die Flügel vom Leib abgespreizt. Zuerst rufe ich ihn. Er schlägt mit den Flügeln und krächzt, sicher möchte er, dass ich zu ihm heraufkomme. Moopie macht ein, zwei Ansätze zum Fliegen, läßt es dann aber bleiben. Ich hole ein Stückchen Hackfleisch und zeige es ihm. Bettelnd sitzt er auf dem Schornstein, doch er fliegt nicht herunter. Mein Mann kommt aus dem Haus und ruft ihn. Kein Erfolg. Moopie bleibt auf seinem hohen Sitz hocken. Nach und nach kommt die ganze Familie in den Garten, lockt und ruft den Vogel. Mir schwant es: Moopie hat Angst vor dem Herunterfliegen. Wir überlegen schon, wie wir ihn von dort oben herunter bekommen und beschließen, dass mein Mann auf das Dach klettern soll. Am frühen Abend endlich wagt Moopie es doch: zu groß sind Hunger und Durst geworden. Unsicher flattert er hinunter und macht eine Bruchlandung in Nachbars Hecke. Von dort kann ich ihn endlich abholen. Dankbar steigt er auf meinen Arm und läßt sich ins Haus tragen, wo frisches Wasser und ein gefülltes Futterschälchen auf ihn warten.

Wenn Moopie müde ist, setzt er sich meist in den Apfelbaum und döst vor sich hin. Manchmal versteckt er sich auch in den alten Haselnußsträuchern. In dem Gewirr von grünen Blättern und Zweigen kann man ihn dann schwer ausmachen. Nach seinem Schläfchen schreitet er zu neuen Taten.

Liebevoll bepflanzte Kübel werden ihres bunten Inhalts beraubt; stolz zeigt mir Moopie eine >Strecke< erlegter Blumen. Ich brauche mir diesen Sommer wohl keine Hoffnungen mehr auf schön bepflanzte Blumentöpfe und Balkonkästen machen, schneller als ich die Blumen setzen kann, reißt er sie schon wieder aus.

Weiter geht es zur Kiesfläche. Wie schön kann er dort die Steinchen sortieren und verstecken. Zwischendurch wird es ihm zu warm. Eine große, blaue Plastikmuschel aus der Spielwarenabteilung dient ihm auf der Terrasse als Pool. Hier genießt er mehrmals täglich sein erfrischendes Bad. Anschließend schüttelt Moopie kräftig sein platschnasses Gefieder aus, mit Vorliebe natürlich in der Nähe eines Menschen, der dann eine kalte Dusche abbekommt.

Neugierig betrachtet er meine Zeichenutensilien, wenn ich in den schönen Tagesstunden auf der Terrasse sitze und zeichne. Ich muß gewaltig achtgeben, sonst entwendet Moopie mir meine teuren Stifte und Pinsel. Da ich dann jedesmal hinter ihm herlaufe und schimpfe, denkt er sich wohl, dass es mit den Malutensilien etwas ganz Besonderes auf sich hat und gibt sie nicht mehr her. Später bekomme ich ihn soweit, dass er sich auf eine Tauschaktion einläßt: ein Stückchen Käse gegen einen Stift. Im Stillen zweifle ich an dem Erfolg der Erziehungsmaßnahme, da ich (mit Recht) befürchten muß, dass er seine kleinen Diebstähle jetzt erst recht begeht!

Der Höhepunkt des Tages beginnt für Moopie, wenn mein Mann, bewaffnet mit Werkzeug und Wasserwaage, sich zum Plattenlegen nach draußen begibt. Was gibt es Schöneres, als das gerade korrekt begradigte Feinkiesbett mal eben schnell mit dem Schnabel durcheinander zu fegen. Noch toller ist es, wenn er mit Volldampf angeflogen kommt, das Kiesbett als Landebahn anvisiert und mit seinen großen Füßen durchpflügt. Den schreienden und tobenden Mensch betrachtet er dann als lustige Unterhaltung. Nur vor dem Handbesen hat Moopie Respekt, wurde er damit nach einer seiner Schandtaten kräftig gebürstet.

Eine Delikatesse ohnegleichen scheint frisch gemachter Zement zu sein. Es ist schwer, Moopie davon zu überzeugen, dass das graue Zeug nichts für seinen Krähenmagen ist.

Wenn mein Mann ihn beim Arbeiten ausgrenzt, wird er meist ganz heimtückisch ins Bein gebissen. Moopie möchte halt >mithelfen<.

Gerne hilft er mir auch bei der Wäsche. Besonders im Abhängen und Verteilen der Wäschestücke im Garten (und Nachbars Garten - Gott wie peinlich!) ist er ganz groß, hat Moopie es doch schnell herausgefunden, wie Wäscheklammern funktionieren. Sobald ich an der Wäschespinne beschäftigt bin, ist er dabei. Viel Freude macht es ihm, auf den Leinen herumzuturnen. Dabei baumelt er oft kopfunter neben der Wäsche, ein lustiges Bild!

Im Laufe des Sommers gewinnt Moopie zunehmend an Stärke und Gewandtheit. Mit seinem kräftigen schwarzen Schnabel werkelt er oft zerstörerisch an Gegenständen herum. So hat er die beiden Motorräder der Familie entdeckt. Zuerst schaukelt er sich auf den Leitungen, klettert auf dem Lenker herum, hämmert auf das Tacho ein, bis er schließlich die Sitzfläche entdeckt. Hier probiert er auch seinen Schnabel, schnell wird ein Loch in das Sitzleder gemacht. Mein Sohn ist am Toben, als er das Loch auf seinem neuen Motorradsattel entdeckt. Die Motorräder werden mit einer Schutzplane abgedeckt, doch es dauert nicht lange, bis auch die Plane an einigen Stellen Löcher aufweist.

Als nächstes werden unsere Autos als Spielplätze mißbraucht. Das Dichtungsgummi des Schiebedaches läßt sich so schön aus seiner Führung pfriemeln. Auch kann man vorzüglich auf der Frontscheibe herunterrutschen. Dass die Scheibenwischer die Abwärtsfahrt bremsen, macht nichts. Ruckzuck sind auch die Wischerblätter abmontiert. Wenn Moopie sich kräftig anstrengt, kann er die Radioantenne zurückbiegen. Ich schiebe die Antenne zusammen, damit Moopie sie nicht womöglich abbricht.

Eines Tages entdecke ich kleine Beulen auf dem Dach eines unserer Autos, auf die ich mir keinen Reim machen kann. Des Rätsels Lösung: mit einem Kieselstein im Schnabel fliegt Moopie auf das Dach unseres Hauses und läßt den Stein dann die Schindeln herunterkullern. Mit schiefgelegtem Kopf beobachtet er, wie der Stein auf dem Autodach aufschlägt und eine Beule hinterläßt. Zukünftig werden die Autos weiter weg geparkt.

Unter der großen Eiche im Garten befindet sich ein Ameisenhaufen. Die roten Waldameisen und ihre Brut dienen den Grünspechten häufig als Nahrung. Als Moopie den Ameisenhaufen entdeckt, gibt es kein Halten für ihn. Begeistert springt er zwischen die Ameisen, verdreht seinen Schwanz und öffnet seine Flügel. Zuhauf kommen die Insekten jetzt hervorgestürzt und verspritzen ihr Gift. Sie werden von Moopie mit dem Schnabel ins aufgeplusterte Gefieder verfrachtet. Damit die Ameisensäure ihm nicht ins Auge kommt, zieht er die Nickhäute vor die Pupillen. Hin und her flattert er, hüpft immer wieder auf den Haufen, quietscht in hellen Tönen und nestelt sich hektisch im Gefieder. Eine unheimliche Duftwolke steigt von dem ganzen Szenario auf und nimmt mir den Atem, als die Ameisen den schwarzen Eindringling mit ihrer chemischen Keule bombardieren.

Moopie stinkt noch tagelang nach seinem Bad im Ameisenhaufen nach der Säure. Eine Steigerung dieses Geruches gibt es, als Moopie ein Stückchen Knoblauchbutter klaut und auffrißt. Nach dem folgenden Bad im Ameisenhaufen ist sein >Duft< so umwerfend, dass wir ihn am liebsten ausgesperrt hätten.

Der Eigengeruch von Moopie ist ohnehin schon etwas gewöhnungsbedürftig. Krähen riechen muffig, auch ihre Ausscheidungen verbreiten einen strengen Geruch, im Gegensatz zu vielen anderen Vögeln. Die Familie ist manchmal entsetzt über den Schmutz, den der Vogel macht. Noch nie zuvor hatten wir einen so hohen Verbrauch an Küchentüchern und Reinigunsmitteln, noch nie mußten wir so viel putzen.

Besonders abgesehen hat Moopie es auf das Spätzchen Fibi. Während die Elstern ihm stets Paroli boten, sieht er in dem kleinen Vogel eine potentielle Beute, die es zu jagen gilt. Was er auch immer fleißig praktiziert, bekommt er nur die Gelegenheit dazu. Glücklicherweise ist Fibi sehr wachsam und flink und kann sich gut vor dem großen Räuber verstecken. Eines Tages ist es aber beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Fibi sitzt frohgemut auf der Stuhllehne und schaut durch die Terrassentüre ins Freie. Da kommt mein Mann von draußen rein; im Schlepptau hat er den Moopie dabei. Der sieht den ahnungslosen Spatz und stürzt sich darauf, bevor irgend jemand reagieren kann. In heller Panik flieht Fibi – nach draußen in den Garten. An sich wäre das nichts Schlimmes, da Fibi sich schon oft im Terrassenbereich  und im Apfelbaum aufgehalten hat. Aber Moopie ist ihr auf den Fersen und jagt sie in die höchsten Bäume, wo sie sich endlich vor ihm verstecken kann. Vergebens rufen mein Mann und mein Sohn den ganzen Nachmittag das Vögelchen. Außer einem zaghaften >piep< ist von Fibi nichts zu hören oder zu sehen, während Moopie lustig und ohne Schuldgefühle im Garten herumhampelt.

Ich versuche auch, den Spatz zu locken, als ich am späten Nachmittag nach Hause komme. Vergebens! Wir rufen meine Tochter an und bitten sie, vorzeitig heimzukommen, damit sie ihren Vogel einfangen kann. Sie aber will nicht, ist ihr der Treff mit den Freunden anscheinend wichtiger. Ich bin sauer. Mir wird das Herz schwer, wenn ich an den kleinen, hilflosen Vogel denke, der jetzt wohl die Nacht alleine draußen verbringen muß. Kurz vor dem Dunkelwerden kommt Inka endlich nach Hause. Sie ruft ihr Spätzchen und lauscht auf seine Antwort. Schließlich hört sie den Vogel am Waldrand in den Haselnußsträuchern rufen. Als sie dort oben angelangt ist, braucht sie nur die Hand auszustrecken: schwupp – sitzt der Vogel drauf. Jetzt kann sie ihn in die Hand nehmen und nach Hause tragen. Das Abenteuer hat endlich ein glückliches Ende für das Spätzchen gefunden. Trotzdem muß sich meine Tochter eine Gardinenpredigt gefallen lassen – ich bin nicht damit einverstanden, wie schnöde sie das Leben ihres zahmen kleinen Vogels für ihr Vergnügen aufs Spiel gesetzt hat.

3.) Erwachsenwerden

Im Laufe des Sommers wird Moopie immer selbständiger. Morgens kann er es kaum abwarten, bis ich die Terrassentüre öffne und ihn herauslasse. Mit einem fröhlichen >krah-krah< wird zunächst in rasantem Flug das Haus mehrere Male umrundet. Dann sucht er im Gras nach etwas Freßbarem oder widmet sich dem Inhalt seiner Verstecke. Wenn ich keine Zeit habe mit ihm zu spielen, es ihm zu langweilig wird, macht er sich selbständig. So erkundet er zunächst die nähere Umgebung und begleitet fliegend unsere Nachbarn, wenn sie ihre Hunde ausführen.

Im Laufe der Zeit erobert er auch das Dorf. Dort findet er eine Mittagessenstelle bei einer Familie, die auf den zahmen Vogel aufmerksam geworden ist.

Wie freut sich Moopie, als wir ihn bei einem Spaziergang von dort abholen. Vor uns her im Schweinsgalopp und auch fliegend begleitet er uns nach Hause. Einige Leute im Dorf staunen nicht schlecht über den schwarzen Gesellen.

Doch es dauert nicht lange, da hat er sich die Freundschaft zu den Menschen, die ihn füttern verscherzt. Moopie hat nämlich große Freude daran, die Enkelin der Leute zu ärgern. Jedesmal, wenn er sie sieht, galoppiert er hinter ihr her und versucht, sie zu zwacken. Das junge Mädchen zeigt natürlich seine Angst und das stachelt Moopie erst recht zu Schandtaten an. Eines Tages hat er sie nicht mehr aus dem Gartenhaus gelassen. Er patrollierte vor der Türe hin und her und jedesmal, wenn sie herausschaute, griff er sie an. Erst durch ihr Geschrei wurden Nachbarn auf sie aufmerksam und konnten sie aus der misslichen Lage befreien.

Moopies liebstes Spiel ist Eßtischpiraterie. Im Sturm kommt er angefegt, sobald der Tisch gedeckt ist. Dort lauert er, bis das Essen aufgetragen ist. Ohne Rücksicht auf Verluste saust er auf den Tisch, bereit, uns den dicksten Happen vom Teller zu stehlen und damit das Weite zu suchen. Der Vogel wiegt mittlerweile fast 600 Gramm und bei diesem Kampfgewicht stürzen häufig Gläser und Tassen bei seinen Sturmangriffen um und so manches Mal geht etwas zu Bruch.

Eines Sommertages paßt mein Mann nicht auf und ehe er sich versieht, hat Moopie das gerade fertig gegrillte, leckere Rumpsteak im Schnabel und transportiert es auf den Schornstein. Mein Mann hat das Nachsehen und die Familie ihren Spaß.

 

4.) Abschied

Gegen Ende des Sommers bleibt Moopie immer länger weg. Manchmal sehe ich ihn stundenlang nicht und er kommt oft auch erst gegen Abend nach Hause. Häufig müssen wir ihn in der Dämmerung rufen, dann aber kommt er von irgendwo angeschossen und kann es kaum abwarten, ins Haus zu gelangen.

Er verhält sich auch zunehmend aggressiver den männlichen Familienmitgliedern gegenüber. Die werden schon mal gerne scheinbar grundlos gekniffen oder mit aufgerichteter Tolle angegiftet. Nur mir gegenüber ist er noch immer sanft und freundlich. Manchmal balzt er mich an, wobei er seine Flügel leicht abspreizt und den Schwanz zitternd auffächert. Dabei zieht er die Nickhäute vor die Augen und gibt leise, quietschende kehlige Töne von sich.

Im September fahren mein Mann und ich in den langersehnten Urlaub. Da Schule und Uni schon angefangen haben, muss sich die daheimgebliebene Jugend um die Tiere kümmern. Im Fall von Moopie bedeutet das, dass er Morgens in die Freiheit entlassen und abends wieder ins Haus geholt wird. Den ganzen Tag ist er alleine. Futter und Wasser findet er zwar auf der Terrasse, aber Unterhaltung gibt es keine. Das ist die Zeit, wo Moopie sich endgültig abnabelt.

Als wir nach drei Wochen wieder zurück sind, kommt Moopie das erste Mal abends nicht mehr nach Hause. Am nächsten Tag schaut er dann irgendwann im Laufe des Vormittags vorbei, läßt sich kraulen, frißt und spielt ein wenig mit mir. Dann hört er von irgendwo eine Krähe und sofort fliegt er wieder davon. Ich ahne, dass die Zeit des Abschiednehmens gekommen ist.

Immer unregelmäßiger kommt er Abends heim. Auch den ganzen Tag läßt er sich nicht blicken. Ich höre, dass seine Mittagessenstelle auch nicht mehr angeflogen wird. Ich sehe große Krähenschwärme mit mehreren hundert Tieren über dem Dorf fliegen und spüre Moopies Unruhe, wenn er ihre Rufe hört. Ich kann ihn nicht festhalten.

Das letzte Mal kommt er an dem Abend Ende Oktober heim, als ich den zahmen, kleinen Eichelhäher nach Hause bringe. Eingehend studiert er den neuen Vogel in der Zimmervoliere, bevor er sich zum Schlafen begibt. Als ich ihn am nächstem Morgen herauslasse, ahne ich noch nicht, dass es das letzte Mal ist. Zielstrebig fliegt er davon. Danach haben wir ihn nie wieder gesehen.

 

Gerne möchten wir glauben, dass er bei seinen Artgenossen eine neue Heimat gefunden hat. Dass er dort nach Krähenart leben kann, wie es ihm auch zusteht.

Dieser wunderbare Vogel hat uns ein halbes Jahr lang begleitet. Er hat uns zum Lachen und zum Staunen gebracht und so manches Mal auch zum Haareraufen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nehmen wir Abschied von dieser großartigen Vogelpersönlichkeit.

Oft blicken wir in die Bäume, wenn wir eine Krähe hören. Ist es vielleicht Moopie? Wir hoffen, dass es ihm gut geht und wünschen ihm ein langes, glückliches Krähenleben.

 

 

 

       

müder kleiner Moopie

 

abhängen - stets lustig drauf

 

immer Grütze im Kopf - Moopie entdeckt seine Welt